top of page

Die Problemtrance im Projektalltag: Warum Dein Tunnelblick Dich ausbremst (und wie Du wieder das Steuer übernimmst)

Ein Mann steht vor einer Betonwand. Links und rechts davon ist die Weite der Natur zu sehen.

Stell Dir vor, es ist Dienstagnachmittag, 16:00 Uhr. Das Projektmeeting läuft seit zwei Stunden. Die Luft im Raum ist verbraucht, die Kaffeekanne leer und die Stimmung auf dem Nullpunkt.


Ihr diskutiert seit gefühlten Ewigkeiten über dasselbe Detail, das den Release blockiert. Je verbissener Ihr nach einer Lösung sucht, desto unwahrscheinlicher scheint sie zu werden. Die Beteiligten werfen sich gegenseitig Argumente an den Kopf, die Ihr alle schon mehrfach gehört habt.


Herzlichen Glückwunsch: Du und Dein Team, Ihr befindet Euch mitten in einer klassischen Problemtrance.


Was passiert da eigentlich in Deinem Kopf?


Der Begriff der "Problemtrance" lässt sich neurobiologisch gut erklären. Wenn der Stresspegel im Projekt steigt, aktiviert Dein Gehirn einen biologischen Mechanismus, der ursprünglich der Gefahrenabwehr diente. Gleichzeitig fahren die Bereiche Deines Gehirns herunter, die für Kreativität und flexible Problemlösung zuständig sind. Du verlierst nicht nur den Überblick, Du verlierst auch Zugang zu Deinen besten Ressourcen.


In diesem Zustand verengt sich Deine Wahrnehmung deutlich. Dein Fokus zoomt so dicht an das Hindernis heran, dass Du das Umfeld aus dem Blick verlierst. Diese Reaktion ist sinnvoll, um unmittelbare Risiken schnell zu fokussieren, erweist sich jedoch als hinderlich, wenn Du komplexe Architekturentscheidungen treffen oder Teamkonflikte moderieren musst. Das Ergebnis: Du verlierst den Zugriff auf Deine eigentlichen Kompetenzen, Deine Kreativität und Deine Erfahrung.


Dieses Phänomen zu durchschauen, ist der erste Schritt zur Besserung. Das Erkennen solcher Dynamiken gehört zu den Grundlagen professioneller Beratung, denn wer die Trance im System nicht identifiziert, wird oft unbewusst Teil davon.


Die Falle: Wenn Anstrengung zum Hindernis wird


Der typische Reflex lautet meist: "Wir müssen uns nur noch mehr anstrengen!" Doch in der Problemtrance führt mehr Willenskraft oft nur zu "mehr vom Selben". Wir versuchen, ein Schloss mit einem Schlüssel zu öffnen, der offensichtlich nicht passt und drücken einfach nur fester gegen die Tür.


Die Fixierung auf das "Warum geht das nicht?" stabilisiert den aktuellen Zustand eher, als dass sie ihn löst. Du arbeitest zwar härter, aber Du agierst nur noch innerhalb der Logik des Problems. Die Lösung liegt jedoch fast immer außerhalb dieses Tunnels.


Den Blick weiten: Den Prozess beobachten


Um aus diesem Zustand auszubrechen, hilft ein bewusster Perspektivwechsel: weg vom Inhalt ("Was genau ist kaputt?"), hin zum Prozess ("Wie gehen wir gerade miteinander um?").


Systemisch betrachtet geht es darum, die eigene Beobachterrolle wieder einzunehmen.


Stell Dir dabei Dein Bewusstsein wie einen Computer vor. Normalerweise bist Du im Hauptmenü (dem Selbst), von dort aus kannst Du jedes Programm aufrufen, das Du gerade brauchst. In der Problemtrance hängst Du fest in einem Programm, das endlos seine Schleife dreht. Die Lösung ist nicht, das Programm zu beenden. Es ist, wieder zum Hauptmenü zu gelangen.


Das bedeutet, den Stressmoment zwar wahrzunehmen, sich aber nicht von ihm beherrschen zu lassen. Deine Kompetenzen sind weiterhin vorhanden; sie sind nur gerade durch die emotionale Enge blockiert. Sobald Du akzeptierst, dass die aktuelle Sackgasse eine nachvollziehbare Folge der Überlastung ist, gewinnst Du die nötige Distanz, um den Blick wieder zu öffnen.


Drei Impulse, um die Trance zu unterbrechen


Wenn Du merkst, dass Du oder Dein Team sich festbeißen, helfen gezielte Musterunterbrechungen:


  1. Die physische Unterbrechung:  Steh auf. Verlass kurz den Raum. Hol Dir ein Glas Wasser oder geh einmal um den Block. Körperliche Bewegung ist ein effektiver Weg, um die neurologische Fixierung zu lockern.


  2. Die "Wofür"-Frage:  Ersetze das grüblerische "Warum passiert uns das?" durch ein neugieriges "Wofür?". Wofür ist diese Situation gerade ein Signal? Was dürfen wir am Prozess anpassen, damit es wieder fließt?


  3. Der Ressourcen-Check:  Stell die Frage: "Wann hatten wir eine vergleichbare Situation schon einmal und wie haben wir sie gelöst?" Das lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf bereits vorhandene Stärken.


Souveränität ist eine Frage des Blickwinkels


Souveränität im Projektalltag ist kein statischer Dauerzustand, sondern die Fähigkeit, zeitnah aus der Problemtrance wieder auszusteigen. Es geht nicht darum, die Wand vor Dir mit Gewalt einzureißen, sondern darum, aufzuhören, sie fixiert anzustarren. Sobald Du den Blick abwendest, werden die Möglichkeiten links und rechts davon wieder sichtbar.


Wirkliche Souveränität und Entscheidungssicherheit entstehen in dem Moment, in dem Du lernst, Deine Aufmerksamkeit aktiv zu steuern, statt Dich von der Problemtrance steuern zu lassen.

 
 
 

Kommentare


bottom of page