Resilienz und Selbstwert - Dein innerer Anker in stürmischen Zeiten
- Marc Borst
- 13. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Rückschläge gehören zum Leben. Berufliche Enttäuschungen, persönliche Verluste oder unvorhergesehene Ereignisse stellen Dich vor Herausforderungen. Die entscheidende Frage lautet: Was hilft Menschen dabei, an diesen Erfahrungen zu wachsen, statt ins Straucheln zu geraten?
Die Antwort suchen wir häufig in den Begriffen Resilienz und Selbstwert. Doch was genau verbirgt sich dahinter?
Resilienz und Selbstwert verstehen
Bevor wir die Verbindung zwischen beiden Konzepten betrachten, grenzen wir die Begriffe klar voneinander ab.
Resilienz: Kein Muskel, sondern ein Prozess
Lange Zeit wurde Resilienz oft als "innere Widerstandskraft" oder als eine Art "Fähigkeit" beschrieben, die man wie einen Muskel trainieren kann. Die aktuelle Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild: Resilienz ist keine Eigenschaft und auch keine Fähigkeit, die Du einfach "hast" oder "lernst". Sie ist vor allem ein Prozess.
Resilienz entsteht immer in der Interaktion zwischen drei Faktoren:
Dir als Person (Deine Gedanken, Deine Haltung),
dem Stressor (der konkreten Herausforderung),
Deiner Umwelt (soziale Unterstützung, berufliche Strukturen).
Das bedeutet: Wenn Du Dich durch eine Belastung überwältigt fühlst, liegt das nicht zwangsläufig an mangelndem "Training". Oft sind es die Systeme und Umstände um uns herum, die eine resiliente Reaktion erschweren. Dieser Blickwinkel ist ehrlicher und nimmt den unnötigen Druck, im Angesicht jeder Krise sofort wieder "stabil" funktionieren zu müssen.
Resilienz wird oft durch verschiedene Modelle beschrieben. Eines der bekanntesten ist das Sieben-Säulen-Modell nach Ursula Nuber, das als praktischer "Werkzeugkoffer" für ein widerstandsfähiges Leben dient. Das Modell ist wissenschaftlich nicht fundiert, sondern dient eher als eine Art thematische Landkarte.
Anstatt diese Säulen als "Trainingsplan" zu missverstehen, zeigen sie uns Themenfelder auf, die wir so gestalten können, dass resiliente Reaktionen in unserem Leben wahrscheinlicher werden.
Die sieben Säulen der Resilienz nach Ursula Nuber
Realistischer Optimismus: Ein positiver, aber nicht naiver Blick auf die Zukunft, der Herausforderungen als Wachstumschancen begreift.
Akzeptanz: Anzunehmen, was Du nicht ändern kannst. Akzeptanz schafft Ruhe und Gelassenheit und ist eng mit der Selbstakzeptanz verbunden.
Lösungsorientierung: Den Fokus Deiner Gedanken vom Problem auf die mögliche Lösung zu lenken.
Opferrolle verlassen: Die eigene Handlungsfähigkeit zu erkennen, ohne sich dabei selbst die Schuld für äußere Umstände zu geben, auf die Du keinen Einfluss hattest.
Verantwortung übernehmen: Eigenverantwortung für Dein Handeln, Denken und Fühlen zu übernehmen und zu erkennen, dass Du bestimmte Dinge selbst verändern und beeinflussen kannst.
Netzwerkorientierung: Die Fähigkeit, soziale Unterstützung anzunehmen und Dich auf ein tragendes Netzwerk von Menschen verlassen zu können.
Zukunftsplanung: Dir realistische, auf Deinen eigenen Werten basierende Ziele zu setzen und diese aktiv zu verfolgen.
Selbstwert: Das Fundament der Persönlichkeit
Selbstwert ist die Bewertung, die Du von Dir selbst hast. Es ist das tiefe, innere Gefühl, als Mensch wertvoll und gut genug zu sein. Dieser Wert kann jedoch stark schwanken und hängt von Deinen aktuellen Erfahrungen, sozialen Vergleichen und der Art ab, wie Du mit Dir selbst sprichst.
Selbstwert versus Selbstvertrauen
Häufig verwechseln Menschen Selbstwert mit Selbstvertrauen. Ein differenzierter Blick zeigt zwei unterschiedliche Konzepte:
Selbstwert ist die grundlegende Bewertung Deiner eigenen Person als Ganzes: "Ich bin wertvoll". Er ist mit inneren Werten verbunden und dient als Fundament für innere Sicherheit, unabhängig von äußeren Umständen.
Selbstvertrauen ist der Glaube an Deine eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung spezifischer Aufgaben: "Ich kann das schaffen". Es wächst durch erfolgreiches Lösen von Problemen und das Meistern von Herausforderungen.
Ein gesundes Selbstwertgefühl hängt nicht von äußeren Erfolgen ab. Wenn das Gefühl, wertvoll zu sein, jedoch von Leistung abhängt, kann jeder Misserfolg eine tiefe Krise auslösen.
Die Forschung der amerikanischen Psychologin Carol Dweck zu 'Growth Mindset' zeigt, dass Menschen, die Misserfolge als Lernchancen sehen, häufig besser mit Rückschlägen umgehen können als jene, die diese als Zeichen persönlichen Versagens interpretieren. Dabei ist wichtig zu beachten, dass ein Growth Mindset kein Allheilmittel ist und je nach Situation und Kontext unterschiedlich wirksam sein kann.
Die Verbindung: Wie Resilienz und Selbstwert sich gegenseitig verstärken
Resilienz und Selbstwert sind keine unabhängigen Kräfte, sondern ein sich gegenseitig verstärkendes System. Ein starker Selbstwert ermöglicht Resilienz als Basis, und Resilienz festigt im Gegenzug den Selbstwert.
Selbstwert als Schutzschild für Resilienz
Ein gesunder Selbstwert kann als geistiger Schutzfaktor gegen die Belastungen des Lebens wirken. Wenn Du Dich selbst achtest und wertschätzt, neigst Du tendenziell dazu, weniger schnell in Stress zu geraten und kannst oft besser mit ihm umgehen. Dieses positive Selbstbild schützt häufig vor fruchtlosen Zweifeln und ermöglicht es Dir, in bedrohlichen Situationen eher handlungsfähig zu bleiben.
Beispiel: Ein Projekt scheitert. Wenn Dein Selbstwertgefühl intakt ist, siehst Du dies als Rückschlag für Deine Kompetenzen, aber nicht als Beweis, dass Du als Mensch minderwertig bist. Du bleibst in der Lage, das Problem zu analysieren, neue Lösungswege zu finden und Deine Fähigkeiten zu verbessern.
Personen mit einem geringen Selbstwert neigen dazu, die Ursache für eine Krise sofort bei sich selbst zu suchen und in einer "Problemtrance" zu verharren. Ein hoher Selbstwert hilft, diese negative Gedankenspirale zu durchbrechen.
Resilienz stärkt aktiv den Selbstwert
Der positive Kreislauf schließt sich, indem Resilienz das Fundament des Selbstwerts aktiv festigt. Jede gemeisterte Herausforderung, jeder bewältigte Rückschlag stärkt das Vertrauen in Deine eigenen Fähigkeiten. Wenn Du lernst, dass Du schwierige Situationen überstehen kannst, gibt Dir das mehr Zuversicht und festigt das Gefühl, fähig und wertvoll zu sein.
Wenn Du die Eigenverantwortung übernimmst und die Opferrolle verlässt, befreist Du Dich von den Umständen und erfährst Deine eigene Wirksamkeit. Dies ist eine der zentralen Stärken der Resilienz und ein direkter Verstärker für den Selbstwert. Die Überzeugung, etwas bewirken zu können, führt zu einem Gefühl von Sinnhaftigkeit und Stimmigkeit im Leben.
Ein realistischer Optimismus spielt dabei eine wichtige Rolle. Nach Martin Seligmans Konzept des "Learned Optimism" neigen Optimisten dazu, Erfolge auf interne, stabile Faktoren zurückzuführen und Misserfolge auf externe, veränderbare Umstände. Diese kognitive Haltung kann das Selbstvertrauen und den Selbstwert stärken. Wichtig ist jedoch, dass der Optimismus realistisch bleibt und nicht in unrealistisches "positives Denken" umschlägt, das die tatsächlichen Herausforderungen ausblendet.
Praxisnahe Übungen
Anstatt krampfhaft "Resilienz trainieren" zu wollen, kannst Du Bedingungen schaffen, die Dich unterstützen:
Mikroreflexion täglich: Frage Dich: "Was hat heute funktioniert und warum?" Mache Dir kurz Notizen und versuche, Muster zu erkennen.
Reframing: Verwandle "Ich habe versagt" in "Ich habe gelernt, was noch fehlt, und plane den nächsten Schritt".
Netzwerk aktivieren: Benenne zwei Personen, die Dir in heiklen Phasen Halt geben, und vereinbare regelmäßigen Austausch.
Zielklarheit: Richte ein Ziel an Deinen eigenen Werten aus und definiere die erste umsetzbare Handlung.
Typische Stolperfallen
Selbstwert an Leistung koppeln: Jeder Misserfolg fühlt sich dann existenziell an.
Problemtrance: Grübelschleifen blockieren Lösungen und rauben Dir Energie
Allein kämpfen: Wenn Du Unterstützung nicht nutzt, schwächst Du Deine Resilienz unnötig.
Überhöhte Erwartungen: Resilienz und Selbstwert als "Wunderwaffen" zu sehen, die alle Probleme lösen können. Beide sind hilfreiche Ressourcen, aber kein Ersatz für professionelle Hilfe bei schweren Krisen.
Fazit: Deine Reise zur inneren Stärke
Resilienz und Selbstwert sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Sie zu entwickeln, ist ein lebenslanger Prozess, der Zeit braucht und von vielen Faktoren beeinflusst wird.
Es geht nicht darum, unverwundbar zu werden. Es geht darum, ehrlicher mit sich selbst umzugehen und die Bedingungen so zu gestalten, dass Du auch in stürmischen Zeiten Deinen inneren Anker findest.



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